Schäßburger Gassennamen und Flurbezeichnungen – Herkunft und Bedeutung

Bevor Straßennamen und Hausnummern allgemein eingeführt wurden, orientierte man sich in den Ortschaften nach markanten Häusern mit den Namen ihrer Besitzer. In Schäßburg kannte jeder z. B. das Hochische, das Sternheimische, das Teutschische etc. Für die Zustellung eines Briefes gehörte bloß die Angabe Schäßburg und des Empfängernamens. Es wird erzählt, dass ein Brief aus den USA pünktlich und richtig zugestellt wurde, obwohl die Anschrift recht eigenartig war: „Kathi Polder, Hundsbachgasse, Europa“. Nach Einführung der Hausnummern wurden in kleinen Ortschaften die Häuser durchnummeriert. Später wurden die Hausnummern nach Gassen zentrifugal festgelegt, wobei an einer Straßenseite die geraden, an der gegenüberliegenden die ungeraden Nummern folgten. Eine Durchnummerierung gab es ursprünglich auch in großen deutschen Städten. Die Hausnummer 4711 in Köln, die Napoleons Soldaten mit Kreide an das Gebäude schrieben, in dem das berühmte Kölnische Wasser hergestellt wurde, ist auch heute noch ein weltberühmtes Markenzeichen. Konventionelle Gassennamen wie z. B. Martin-Eisenburger-Gasse, Georg Daniel Teutsch-Platz, Albertstraße u.a. sagen nichts über ihren Stand¬ort oder ein besonderes Merkmal aus. Die meisten Gassennamen entstehen jedoch in Anlehnung an ein natürliches topographisches oder bauliches Kennzeichen. Das gilt gleichzeitig auch für Flurnamen. Im Folgenden sollen einige Gassennamen und Flurbezeichnungen von Schäßburg nach ihrer Herkunft und Bedeutung beschrieben werden.

Die Lange Brücke (De lank Bräck) heißt die Auffahrt zur Burg in Richtung Schneiderturm und Bürgermeisterhaus-Tore. Der Weg war mit Bohlen ausgelegt – von da der Name „Brücke“. Auch rumänisch heißen mit Bohlen gepflasterte Straßen „Brücken“. In Hermannstadt gibt es die Bretterpromenade.
Der Schulweg führt, wie sein Name sagt, vom Burgplatz zur Schülertreppe. Er hieß vormals Leichengasse, weil die Trauerzüge zum Friedhof auf dem Schulberg diesen Weg benützten.
Im Seilergang wurden Seile geflochten, weil die Seiler für ihre Arbeit eine schnurgerade Bahn benötigten.
Die Schneidereiskeule (eigentlich -kuhle, sächsisch Schneder¬eiskel) ist ein Straßenabschnitt unter der Burg vor dem Eiskeller (heute abgetragen). Es ist ein schattiger und kalter Ort der Stadt. Hier wurde das geschnittene Eis, d. h. Eisschollen aus der Kokel, für den Sommer eingelagert.
Der Törleweg verläuft durch das kleine Wäldchen jenseits des Burgtores, das sich zwischen Fleischer- und Kürschnerturm befindet. Es ist falsch, Törle von Tor (Diminutiv: kleines Tor) abzuleiten. Für Törle steht wahrscheinlich das rumänische Wort „tarla“, das heißt Schafhürde. Eine solche hat es dort früher gegeben. Darauf weist auch die zusätzliche Benennung „Lämmerweide“ für diesen Abschnitt des Törles hin.
Kornescht (Cornesti) kommt vom rumänischen „coarne“, das sind die Kornelkirschen. Hat es dort wohl solche Sträucher gegeben? Oder sind die „Coarne“ (Hörner) der Schafe damit gemeint?
Baiergasse (sächsisch Boarges), heute Hauptstraße, war eine Bauerngasse, die außerhalb der vornehmeren Burg angelegt war. Bis in die jüngste Vergangenheit war die Obere Baiergasse bäuerlich geprägt.
Der Galtberg soll früher eine Viehweide gewesen sein. Galtvieh ist das Jungvieh, das galt ist, d. h. noch keine Milch gibt. Nach dem Bau der Mammutbrücke wurden die Zigeuner von jenseits der Kokel auf den Galtberg umgesiedelt. Der Obere Galtberg gilt auch heute als vorstädtisch. Tatsächlich aber ist der Galtberg sonnig und bietet einen herrlichen Ausblick auf die Burg und ins Kokeltal.
Die Spitalgasse hat ihren Namen vom Alten Spital, das sich hinter der Antoniuskirche (längst abgetragen) befand und später zur Pfründneranstalt umgewandelt wurde.
Die Hüllgasse (sächsisch Hillges) sollte richtig Hillgasse heißen. Hill bedeutet Hügel, Berg, und unsere Hillgasse ist ein Bergeinschnitt in den Schulberg.
Hämmchen, Hemchen lässt uns an das rheinisch-westfälische der Hamm mit der Bedeutung Bucht, Flusskrümmung denken. Im Sächsischen hat das Wort zahlreiche Bedeutungen: Niederung, Schwemmland, zwischen zwei Wassern gelegenes Land, an der Flussbeuge u. a. Das Hämmchen endete am Schaaser Bach, der vor seiner Umleitung durch die Stadt floss.
Der Siechhof hat seinen Namen von dem Leprosorium, der mittelalterlichen Isolationsstätte der Aussätzigen. Die kleine Kirche „Zum Heiligen Geist“ heißt auch heute Siechhofkirche. Der Pfarrer hielt für die Betroffenen, die vor der Kirche lagerten, den Gottesdienst von der so genannten Pestkanzel aus, die an der Außenwand der Kirche angebracht ist. Der Siechhofberg jenseits des Bahnhofs gehört seines Namens nach auch zum Siechhof.
Haingässchen wird von den Sprachwissenschaftlern als Hünengässchen gedeutet, so wie auch der Henerberg mit Hünen in Zusammenhang gebracht wird. Wie diese kleine Gasse zu dem Riesennamen gekommen ist, lässt sich schwer sagen.
Der Galgenberg, die Schädelstätte von Schäßburg, war der Ort, wo Hinrichtungen stattfanden. Als der Bahnhof vergrößert wurde und ein Teil des Berges abgetragen werden musste, kamen mehrere Skelette zum Vorschein.
Warum die Allee, die am Mühlenkanal entlang (heute aufgelassen) zum Kokelwehr führt, Unter den Erlen heißt, ist nicht klar, denn dort stehen keine Erlen, sondern Linden und Kastanienbäume.
Der Neue Weg, der aus der Hüllgasse auf die gegenüberliegende Seite des Schulberges führt, war erst in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts angelegt worden, also tatsächlich neu. Vorher gab es dort nur einen Pfad, der über den Berg führte.
Die Brückengasse erhielt ihren Namen von der Maria-Theresia-Brücke (Mammutbrücke), die über die Kokel führte und durch die große Überschwemmung 1975 zerstört wurde.
Schanzgasse bezeichnet die Gasse, die den Burgplatz mit der Schanze (Bastei) beim Schusterturm verbindet. Das Schänzchen ist die ehemalige Bastei neben dem Stadtparrhof, und die Schanze beim ehemaligen Goldschmiedeturm ist heute das Botanische Gärtchen oder auch Kollegiengärtchen genannt – das im Hinblick auf die Zugehörigkeit zur Bergschule.
Die Turmgasse erhielt ihren Namen vom Stundturm, von dem sie ausgeht und hinunter zum Marktplatz führt.
Der Umweg ist zum Unterschied vom direkten Weg zur Bergschule über die Schülertreppe ein indirekter Weg, ein Umweg zum gleichen Ziel.
Das Pfarrgässchen ist der direkte Weg vom Stadtpfarrhaus auf dem Entenplätzchen hinunter zur Klosterkirche.
Die Parkgasse befindet sich vor dem Stadtpark (Elisabeth-Park), wo in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts die orthodoxe Kathedrale gebaut wurde.
Die lehmige, morastige Lehmkeule (= Kuhle, Loch, Grube) jenseits der Schaaser-Bach-Brücke (bis zum zweiten Weltkrieg Holzbrücke) von der Hüllgasse aus ist von Zigeunern bewohnt. Interessant sind weiter waldwärts die Grabsteine des alten jüdischen Friedhofs, der teilweise vom Wald überwuchert ist.
Das Zitadellchen, ein mit Birken bestandener Bergkegel, der über das Schaaser Feld hinausragt, mahnt an eine kleine Befestigung.
Die Rohrau, wo es stattliche Schäßburger Baumgärten gab, war, an der Kokel liegend, früher sicher mit Röhricht bewachsen.
Die Rudolfshöhe, ein schöner Aussichtspunkt von der Breite ins Kokeltal und in die Stadt, soll nach einem Offizier dieses Namens so genannt werden, der sich hier aus Liebeskummer erschoss. Der von H. Höhr vorgeschlagene Name, Lönshöhe, konnte sich nicht durchsetzen.
Der oder das Ungefug, ein Weiler (aufgelassen), wo es schöne Baumgärten und Sommerhäuser gab, war ein ungefügiges Land mit Sumpfgelände und Bergrutschen – von dort der Name.
Die Breite hat ihren Namen wahrscheinlich von dem behäbigen eichenbestandenen Hochplateau, das für die Breite kennzeichnend ist.
Der Jungkernberg hat nichts mit jungen Herren zu tun (auch eine solche volkstümliche Erklärung hat es gegeben), sondern bezeichnet die Neupflanzung der Bäume (junge Kerne).
Die Pfarrerswiese war ursprünglich in Kirchenbesitz. Hier entstand im Laufe der Zeit eine Wohnsiedlung.
Die Kokelgasse führt vom Holzmarkt (keine Erklärung notwendig) zur Kokel.
Der Marktplatz hat einen Namen, der für sich spricht. Die rumänische Benennungen Piata Unirii, dann Piata Lenin hatten keinen Aussagewert.
Von der Bergschule stammt der Name Schulberg und nicht die altehrwürdige Bergkirche machte ihn zum Kirchberg. Hohe Wertschätzung der Schule in Siebenbürgen!
Hühnerpicker (sächsisch Hienepäcker) ist ein Flurname, der einen Teil des Schulberges jenseits des Neuer-Weg-Einschnittes bezeichnet. Pecker, Picker bedeutet Specht. Picker wird oft mit anderen Wörtern verbunden, so auch mit Hühner – Hiener. Warum heißt der Hühnerpicker so?
Interessant ist der Name der Kokel (Keakel – rum. Tarnava, ung. Küküllö). Ist Kokel ein keltischer Flussname und stammt vom indogermanischen keu-k, „biegen, sich krümmen“ ab? Das Siebenbürgisch-Sächsische Wörterbuch führt viele lateinische und deutsche Bezeichnungen für Kokel an.
Der Burghals oder Am Halsbrunnen (heute Anton-Pann-Gasse) begleitet den Schulberg von der Schneidereiskeule bis unter den Neuen Weg. Der besagte Brunnen wurde erst im 20. Jahrhundert aus hygienischen Gründen (Friedhofsnähe) aufgelassen. Dasselbe Schicksal hatte auch der Brunnen unterhalb der Schülertreppe. Das Brunnenhäuschen ist auf allen alten Darstellungen der Schulgasse (Leichengasse) gut zu erkennen.
Auf die angesprochene Weise lassen sich auch noch viele andere Namen deuten, wie Tischlergasse, Mühlgasse, Schaasergasse, Bahngasse, Gartengasse etc. Doch woher stammen die Namen Entenplätzchen? Puikagässchen? Dafür haben wir heute keine Antwort. So auch für die Flurnamen Wentch und Scherkes fehlen uns z. Z. plausible Erklärungen.
Gassennamen und Flurbezeichnungen sind ein fester Bestandteil der Stadtgeschichte und der Landschaftsgeschichte und sind von besonderem volkskundlichen Interesse.

Quelle: Walter Roth (Dortmund)

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